Wer Göttingen besucht, trifft es früher oder später: das Gänseliesel. Auf dem Marktplatz steht sie mit ihrem Korb und drei Gänsen auf dem Sockel – und ist seit fast 125 Jahren das wohl beliebteste Fotomotiv der Stadt. Ihr Konterfei ist auf Postkarten, Trinkflaschen, Frühstücksbrettchen, ja sogar auf Fahrradklingeln verewigt. Doch wie wurde aus der Bronzefigur das wohl bekannteste Wahrzeichen Göttingens?
Wie alles begann
Ende des 19. Jahrhunderts wollte Göttingen einen neuen Marktbrunnen. 1898 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und die Entwürfe reichten von prunkvollen Figuren bis zu wuchtigen Allegorien. Am Ende gewann aber nicht der erste Platz, sondern der eigentlich Zweitplatzierte: der Entwurf „Gänseliesel“ des Bildhauers Paul Nisse und des Architekten Paul Stöckhardt. Die Göttinger*innen hatten sich augenscheinlich in die bescheidene Gänsemagd verliebt und so stellte man den Brunnen am 8. Juni 1901, schlicht und ohne große Feierlichkeiten, auf dem Marktplatz vor dem Alten Rathaus auf.
Vom Brunnenmädchen zum Kuss-Idol
Kaum stand sie da, begannen die Studierenden, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Schnell entwickelte sich ein Brauch: Alle Neuimmatrikulierten sollten dem Gänseliesel einen Besuch abstatten – und es mit einem Kuss begrüßen. Die nächtlichen Umtriebe waren allerdings nicht immer zur Freude der Obrigkeit. 1926 erließ die Stadt eine Verordnung, die das Küssen unter Strafe stellte. Der berühmteste Fall: Graf Henckel von Donnersmarck, ein Vorfahre des heutigen Filmregisseurs, zog gegen das Kussverbot vor Gericht. Der Prozess ging als „Kuss-Prozess“ in die Stadtgeschichte ein – und endete mit einer Niederlage. Offiziell gilt das Verbot bis heute, auch wenn es kaum jemand ernst nimmt.
Heute: Doktortitel, Bollerwagen und bunte Hüte
Mit den Jahren wandelte sich die Tradition: Heute sind es nicht mehr die Erstsemester, sondern die frisch Promovierten, die das Gänseliesel küssen. Alle bringen Blumen mit und viele werden in bunt geschmückten Bollerwagen zum Marktplatz gefahren. Ein Höhepunkt sind die häufig fantasievollen Doktorhüte, meist von Kommiliton*innen gestaltet: kleine Kunstwerke, die Herkunft, Studienfach oder Hobbys des Trägers verraten. Wer genau hinsieht, entdeckt Miniaturen von Laborgeräten, Landkarten oder Fußballstadien.
Ein Verbot auf Zeit – und ein Stein für trockene Füße
Zum 100. Geburtstag 2001 gab es übrigens eine Ausnahme: Für genau 100 Minuten hob der Stadtrat das Kussverbot in einer improvisierten Spaß-Sitzung auf. Jeder durfte aufs Gänseliesel klettern – und die Schlange war lang. Damit niemand klettern musste, baute der Bauhof sogar eine große Holztreppe vor den Brunnen. Heute ist diese längst verschwunden, aber ein unscheinbarer Stein im Brunnen erleichtert den Aufstieg. Früher gehörte es fast zum Programm, dass so manche/r Doktorand*in zur Schadenfreude des Publikums ins Wasser rutschte.
Nicht mehr das Original
Was viele Besucher*innen nicht wissen: Auf dem Marktplatz steht nicht das ursprüngliche Gänseliesel. Nach mehreren Beschädigungen wurde es 1990 durch eine Kopie ersetzt. Das restaurierte Original ist im Städtischen Museum zu besichtigen und verlässt es nur zu besonderen Anlässen. 2019 reiste es, sorgfältig verpackt in einer großen Holzkiste, zum Deutschen Theater, wo es während der Internationalen Händelfestspiele zur Oper „Rodrigo“ im Bühnenbild glänzte.
Ob Original oder Kopie: Das Gänseliesel ist längst mehr als nur eine Brunnenfigur. Es ist Göttingens Wahrzeichen, Treffpunkt, Fotomotiv – und das wohl meistgeküsste Mädchen der Welt.
2026 feiert der Brunnen sein 125-jähriges Bestehen – ein Anlass, diese besondere Geschichte neu zu entdecken und gemeinsam zu feiern.